Montag, das Telefon steht mal wieder nicht still. Aus irgend einem Grund melden sich bei uns vorrangig Montag Leute, die ihren auffällig gewordenen Hund abgeben müssen, wollen oder sollen. Warum das so ist? Ich weiss es nicht, vielleicht fasst man am Wochenende die besseren oder schlechteren Entschlüsse. Jedenfalls muss, nennen wir ihn Piet, seines Zeichens Mischling aus Dobermann und Schäferhund, weg.

Piet hat gebissen. Mehrmals, ordentlich, zwei Leute lagen im Krankenhaus. Piet war auch beim Trainer, ach was erzähl ich, Piet war bei fünf Trainern. Alles Mist sagen die Leute, nichts hat geholfen. Erst haben wir es nett probiert, aber er wollte einfach keine Kekse, er wollte lieber in Menschen beißen. Dann auf die harte Tour. Das war zwar teilweise wirklich schlimm mit anzusehen, wirkte aber. Da hat Piet anfangs wirklich funktioniert, zwei Monate später aber dann richtig zugelangt. Dann kamen Kollegen, die Kügelchen und Wässerchen verschrieben, auch die schmeckten zwar, halfen aber genau garnicht.

Nun sind sie an einem Punkt, die Behörden im Nacken, in der Nachbarschaft flüchtet man und zieht die Kinder ins Haus, wenn Piet Gassi geht. Anwaltsbriefe flattern ins Haus, Frauchen war schon mehrfach beim Psychologen. Man merkt, der Leidensdruck ist da, er ist groß. Hier will keiner nur einfach seinen Hund los werden. Der Tierarzt hat auch keine weiteren Idee, man selber sei am Ende. Wir haben alles probiert, es geht nicht mehr.

Nun kommen wir ins Spiel. Im besten Fall sind die Leute bereit, für Piets „Resozialisierung“ Geld in die Hand zu nehmen, im schlechtesten Fall soll er nur weg.

Jetzt könnten wir sagen, Piet ist einer von vielen, die schlecht erzogen sind, wo die Leute sich seiner entledigen wollen, weil sie keine Lust oder Angst davor haben, ihm Grenzen aufzuzeigen. Keine Lust ihr Leben auf einen solchen Hund umzustellen. Schlechte Menschen, Wegwerfgesellschaft. Schließlich gibt’s im Internet ja neue, nette Hunde. Diesmal einen aus Spanien. Die sollen kaum aggressiv sein sagt man ;-)

Und überhaupt, warum rufen Montage immer mindestens 10 Leute an, die Piets loswerden wollen? Wo soll das hinführen? Warum müssen WIR uns um deren „Müll“ kümmern? Nun, das ist gelinde gesagt sehr einfach. Wir haben einen Verein. Ein Verein für bissige, aus der Norm fallende Hunde. Sind Anlaufstelle dafür. Stehen im www. Natürlich melden sich Leute bei uns, die Probleme haben. Bei uns melden sich selten die anderen 70%?, die uns erzählen, wie toll alles mit Sally, Benni und Co läuft. Nein. Warum auch?

Und es ist doch gut, dass sie sich melden. Dafür haben wir den Verein. Wenn ich nen Wasserrohrbruch habe, rufe ich den Klempner, nicht meinen Hausarzt. Logisch häufen sich die Anfragen, es werden insgesamt ja auch mehr Hunde. Aber gibt es wirklich mehr Problemhunde? Ich persönlich würde gern sofort schreien: Jaaaaa. Die Kollegin, die eine Hundeschule ganz in meiner Nähe betreibt, sagt nö. Der Großteil sind tolle Hunde. Klar, sie hat andere Zielgruppen. Mein Bild ist eingefärbt. Zeitweise fällt es mir schwer, in Hunden nur Nettes zu sehen, ich frage bei Freunden immer mehrfach, ob ich streicheln darf (ich streichel soo gerne Hunde und hab so selten welche, die das schätzen (naja zumindest am Anfang);-))

Aber ist es deswegen wirklich, so, dass es immer mehr Beißer werden? Oder ist das Beißernetzwerk nur immer besser ausgebaut, so dass die Besitzer von Beißern motiviert werden, sich zu melden. Ich meine, das wollten wir doch. Das nicht im stillen Kämmerchen euthanasiert wird. Was „früher“ übrigens meiner Empfindung nach viel häufiger passierte. Da gabs halt auch kaum Einrichtungen. Da wurde ein paar mal was versucht und nach dem dritten geschrotteten Pfleger der Hund eben ins Jenseits befördert. Anders wusste man sich nicht zu helfen. Heute gibt es tolle Projekte und es werden immer mehr.

Wir bieten Hilfe an und beschweren uns dann, dass zuviele sie wollen. Seltsam oder? Das Nächste, WIR müssen das abfangen? Müssen wir? Mich hat niemand gezwungen , den Verein zu gründen. Mich zwingt auch niemand, die Hunde zu nehmen. Das ist selbstgewähltes Leid. Ich meine, ich hörte da meine Mum, „mach was Ordentliches, wozu hast du studiert?“. Mittlerweile findet sie unser Projekt toll.

Aber ehrlich: Ich habe das selbst zu verantworten, wenn mir Cooper die Türen zerlegt, Baxter die Nachbarn aus dem Bett kläfft und Luna mir den rechten Arm löchert. Ich mache das gerne. Klar, ich „kotze“ mich auch gerne mal aus. Bei Kollegen, bei Freunden. Das ist wichtig. Auch ich nutze ein solchen Situationen Phrasen, böse Gesellschaft, parkt ihren „Köter“ hier ab, zahlt keinen müden Cent, kauft sich aber zwei neue. Das regt mich natürlich auf. Da würde ich gerne den Hund nehmen und ihnen den Leuten vor die Tür setzen. Mach ich aber nicht. Ich belasse es beim Auskotzen und freue mich, dass es lieben Kollegen auch so geht. Wir lachen dann darüber, (oder heulen gemeinsam) über das selbst gewählte Leid. Was ja nicht immer Leid ist.

Irgendwann hatte man ja mal Lust, bissige Köter zu nehmen, ihnen zu helfen. Man lernt ja sogar was von denen. Und wenn nicht, könnte man ja jederzeit damit aufhören (Dank der tollen Projekte bekommt man die Viecher sicher auch irgendwie unter). Wir nehmen unser „Leiden“ also in Kauf.

Apropos Leidensdruck: Den haben die Abgebenden ja manchmal auch. Klar es gibt wieder die, die nicht aus ihrer Komfortzone wollen und leichtfertig Hunde abgeben. Die gibt es damals wie heute. Aber teilweise hören wir Geschichten, wie Leute ihr Leben für ihren Hund umstellten, wo selbst ich denke, krass, wie machen die das? Da wird auf Sozialkontakte verzichtet, jahrelang!!! kommt kein Besuch, Freizeit, was ist das? Die haben schon mächtig Opfer gebracht und denen vorzuwerfen, sie wären zu bequem ist fies. Richtig fies.

Die meisten Hundehalter-so mein Empfinden-sind zu echt vielen Dingen bereit. Die wenigsten sind zu faul, zu bequem zu wenig konfliktfreudig. Das meiste sind richtige Familiendramen. Eigentlich bräuchte ich da öfter einen Psychologen an meiner Seite, der die Leute abfängt. Die brauchen nämlich oft Hilfe und keine Vorwürfe. Die machen die sich selber schon. Auch hier gibt es die Leute, die bequem ihr Tier abschieben und sagen nach mir die Sinflut,. Das gut e Gefühl, das Tier nicht getötet zu haben, Verantwortung aber abgeschoben. Die gibt es, klaro.Aber es ist nicht die große Masse. Es gibt auch die, die extrem viel Geld in ihre Hunde buttern. Jetzt mal ehrlich, wer hätte vor 20 Jahren 800 (Hausnummer, das bewegt sich ja so zw 300 und open end) Euro monatlich für Resozialierung ausgebeben? Jetzt tun das Leute. Und das ist gut so. Es zeigt, dass Hunde doch einen hohen Stellenwert haben. Nix Wegwerfartikel. Es werden Seminare besucht, Hilfsmittel gekauft, es gibt Foren, Gruppen, was weiß ich.

Deshalb hinkt für mich der „früher war alles besser Vergleich“. Klar liefen die Hunde da oft allein spazieren und vielleicht passierte weniger. Vielleicht. Meiner Uroma ihr Spitz wurde von Nachbars Schäferhund zerfetzt. Ja so war das leider. Das stand dann aber nicht in Facebook und es gab auch keinen Anwalt. Das war passiert. Damals eben. Stellt euch das Szenario heute vor. Dramatisch. Oder die ältere Nachbarin mit der großen Narbe im Gesicht. Als Kind von Dobermann des Opas gebissen. Der Dobi wurde eigenhändig erschossen. Heute eröffnen wir Petitionen für Hunde, die Menschen töten. Und nein, ich finde es schlimm, wenn Menschen oder Tiere zu Schaden kommen. Aber wir beschweren uns einerseits über Tutnixe, die einfach abgebrettert kommen und unseren 50 kg Dobermann, der gerade mit seinem neuen Chopomodell ausgestattet plant, aus dem Tutnix Pommes zu machen, den Finger, äh die Pfote zu zeigt und kommuniziert. Ganz ohne Maulkorb und Halter (die sind oft 300 m entfernt und rufen selten, der Köter hört ja doch nicht).

Anderseits beschweren wir uns, dass Hunde wie Canelloni in Geschirr und Halsband plus Halti und Schleppi gefesselt auf auf der Hundewiese geclickert werden und nicht Hund sein können. Ja was denn nun? Ich mag übrigens weder Tutnixe, die in meine Gruppen latschen noch Hunde, die kein artgerechtes leben mehr führen können,. Aber ich will damit sagen, dass wir uns die Welt nölen, wie sie uns gefällt. Es ist immer eine Frage der Sichtweise.

Dann die Trainer. Bei 5 waren die meisten Leute wenigstens. Sagen sie. Manchmal rufe ich Kollegen an. Natürlich sprech ich das mit den Haltern ab. Die sagen fast immer ja, sind ja froh, das wir Fido dann auch nehmen. Ich rufe Kollegen an, um nachzufragen. Nicht um Schadenfreude zu erzeugen, weil der Canistrainer aus dem Nachbarort es mal wieder versaut, hat,oder um der Grünschleife jetzt mal richtig zu zeigen, wo ihr Training hingeführt hat...Nein., weit gefehlt...Ich frage nach sachlichen Informationen,. Was habt ihr gemacht, was war dein Eindruck? Mir geht’s nicht darum, zu diffamieren. Denn ehrlich gesagt, ist es richtig schade, dass Kollege xy den Hund nicht hinbekommen hat. Dann müssten wir den jetzt nicht nehmen. Aber in den seltensten Fällen ist Kollege xy Schuld. Voraus gesagt sei: Wir befinden uns trainingstechnisch in der Mitte, tolerieren aber andere Wege, sofern diese nicht tierschutzwidrig (Misshandlung) sind. Aber ob Estelle jetzt nicht mehr in Postboten beisst, weil Frau xy ihm das weggeclickert hart oder Frau yz ihm das durch eine Wasserspritzpistole erklärt ist, ist uns gleich.

Auch wenn wir Wasserspritzpistolen im Training vielleicht nicht gut finden, so diffamieren wir Frau yz nicht, ihr Weg, ihre Verantwortung. Jedenfalls zeigt sich bei den Gesprächen sehr oft, dass Menschen nur wenige Stunden (manchmal nur das Erstgespräch) bei Trainer xy gemacht haben, dann mal das probiert, hier mal das. Alles son bissel. Öfter mit schlechter Rückmeldung, so das der Trainer gar keine Chance hatten. Klar gibt auch Fälle, wo wirklich umgesetzt wurde, es halt nicht gepasst hat. Oder der Hund schlicht und ergreifend immer ein Stück weit gemanaget werden muss.

Es wäre so einfach zu sagen, Piet ist jetzt hier, weil Trainer xy versagt hat. Weil er keine Grenzen hatte oder weil Trainer xy ihm mit den Napf verwackelt hat. Das tun wir nicht. Weil es in den seltensten Fällen stimmt und verdammt unfair ist. Alle schreien (Achtung Verallgemeinerung) „wir müssen kooperieren“. Dann flatscht es Beiträge, die über die „Gegenseite „ herziehen.

Klar, man muss auch mal über sich lachen. Auch mal einen sarkasrtischen Witz ertragen können. Aber die Wertschätzung der Kollegen fehlt mir,. Ich habe persönlich viele Kollegen, die ich wert schätze, auch wenn sie anders arbeiten. Wahrscheinlich auch öfter mal so, dass ich sage, nein, das möchte ich nicht. Das sag ich denen, aber ich entwerte sie nicht als Person oder ziehe im www drüber her. Stattdessen setzen wir uns ans Lagerfeuer und besprechen Felle. Ja haarige, bissige Viecher. Und tauschen uns aus. Und hey, manchmal klappen neue Impulse besser als der alte Weg. Geil oder`? Jetzt könnten wir sagen, siehste dein Weg hat versagt. Tun wir nicht. Weil es DEN Weg, die EINZIGE Wahrheit nicht gibt.

Also was will ich sagen? Wegwerfgesellschaft? Unbezwingbarer Haufen an Problemhunden, die nur wegen Grenzenlosigkeit beißen ? Nein, es gibt einfach Extreme auf beiden Seiten. Die von einer Kollegin so oft zitierte Gaußsche Normaverteilung. Rechts und links das Extrem, was in der Zahl nicht soviel ist, wie man manchmal glaubt. Dazwischen ganz viel „Normal“, naja, das was wir als normal bezeichnen.

Und mal ehrlich, eigentlich geht es Hunden in Deutschland doch echt gut. Nicht allen, die links und rechts von der Kurve brauchen Hilfe, aber wir könne auch nur leisten, was wir leisten. Im Übrigen an dieser Stelle ein Danke an all die Organisationen, Projekte, Privatpersonen, Stiftungen etc, die sich bissigen Hunde verschrieben haben. Es ist schön, dass es euch gibt. Das es euch gibt, zeigt, dass Hunde hier einen hohen Stellenwert haben.

Und nun, dürft ihr kommentieren. Aber eine Bitte! bleibt sachlich. Ich erfülle ein Grünschleifen Klischee und bin bei Menschen wenig konfliktfreudig. Ich mags sachlich, bin sehr tolerant, deswegen bleibt fair. Ich kann sonst schlecht schlafen. Und das kann ich ja wegen Cooper schon nicht. Also seid nett zueinander ;-) Danke

asd